Betriebsübergabe - bin ich denn blöd?

- Podiumsdiskussion mit Rezzo Schlauch (MdB Bündis 90/Die Grünen), Ludwig Stiegler (MdB SPD) Walter Döring (Mdl BW, Wirtschaftsminister) und Laurenz Meyer (MdB CDU).
Es ging hoch her beim Forum der Junioren des Handwerks anlässlich der IHM in München: Die Podiumsteilnehmer Rezzo Schlauch, Ludwig Stiegler, Walter Döring und Laurenz Meyer hatten es nicht einfach. Insbesondere die Herren Schlauch und Stiegler mussten sich heftige Kritik an der aktuellen Regierungspolitik gefallen lassen. So war es dann auch nicht verwunderlich, dass die Stimmung fast am Kochen war. Noch dazu nur einen Tag nach der Regierungserklärung des Kanzlers.
Das sicherlich provokante Thema „Betriebsübernahme – Bin ich denn blöd!“ wurde dann natürlich auch im Zusammenhang mit der Regierungserklärung gesehen. Es wurde schnell klar, warum sich derzeit viele Jungunternehmer von einer Betriebsübergabe abschrecken lassen. Für Thilo Bräuninger, dem Bundesvorsitzenden der Junioren des Handwerks war die Erklärung des Bundeskanzlers „nicht der große Wurf“. Er vermisste die klare Linie und kritisierte gleichzeitig die Ausführungen des Kanzlers zum Meisterprinzip im Handwerk.
Bestens qualifizierte Ausbilder in den Betrieben - welche der Meisterbrief sicherstellt - seien doch eine Säule unseres dualen Ausbildungssystems. Thilo Bräuninger: „Oder würden Sie auf der anderen Seite Ihre Kinder in eine Schule schicken ohne ausgebildete Lehrer?“ Ein fehlender Meisterbrief sei kein das Hindernis zur Existenzgründung.
Über 130.000 Meister seien in Handwerksbetrieben als Führungskräfte angestellt, obwohl sie einen eigenen Betrieb gründen könnten. Was fehlt sind Perspektiven. „Gleichwohl muss der Meisterbrief künftig noch dynamischer und flexibler gestaltet werden“, forderte Thilo Bräuninger. Auch dann sei handwerkliche Meisterleistung weiter ein Qualitätsmerkmal. Die Qualität in der Aus- und Weiterbildung in Deutschland müsse gesichert sein, wenn die großen Herausforderungen der Zukunft gemeistert werden sollen. Denn: Alle 13 Minuten mache ein Betrieb in Deutschland zu, 42 Prozent Sozialabgaben und hohe Steuerlast lassen Selbständigkeit nicht gerade reizvoll erscheinen. Jeder Betrieb durchschnittlich 731 Stunden im Jahr mit bürokratischem Aufwand kämpfen müsse. So kann man potentielle Betriebsübernehmer nicht motivieren.
Rezzo Schlauch und Ludwig Stiegler verteidigten natürlich die Regierungserklärung des Kanzler. Minister Döring und Laurenz Meyer gingen die Ankündigungen nicht weit genug. Klar, dass es dann zu einem heftigen Schlagabtausch von Argumenten kam. So schob Ludwig Stiegler die wirtschaftliche Schieflage auf die „Erblasten“ der Regierung Kohl, die schlechte Weltkonjunktur, und die Mrd.-Beträge, die an den Börsen vernichtet wurde.
Laurenz Meyer sprach hingegen von „hausgemachten“ Problemen: „Die hohen Lohnzusatzkosten und Steuerbelastung verhindern Wachstum und Beschäftigung. Schwarzarbeit als Folge ist kein Wunder.“ Er forderte weitreichende Kursänderungen. Die in der Regierungserklärung gemachten Vorschläge gingen ihn in vielen Bereichen nicht weit genug.
Auch Staatssekretär Schlauch hält weitere Schritte für nötig. „Schlechtreden“ helfe jedoch auch nicht weiter, sondern verschlimmere die Situation. Die Regierung hätte ja einiges getan wie die private Säule in der Rentenversicherung und Senkung von Steuersätzen zum Beispiel bei Kapitalgesellschaften.
Von Döring kam der Vergleich, dass berufliche und schulische Bildung immer noch nicht gleichwertig sei. Ein Meisterschüler müsse viel mehr Zeit und Geld aufwenden als ein Student. Dies will man zumindest in Baden-Württemberg ändern. Dort wurden zum Beispiel für Studenten nach dem 14. Semester Langzeitstudiengebühren festgelegt. „Die Folge, diese Studenten wandern nach NRW ab“, zeigte Minister Döring nicht ohne schmunzeln auf.
Fazit des Forums für die Junioren des Handwerks: Will man künftig potentielle Betriebsübernehmer gewinnen, müssen sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und die Stimmung deutlich verbessern. Die zu übernehmenden Betriebe warten schon: Allein im Handwerk gibt es davon in den nächsten zehn Jahren 250.000.




